Ad Vermeer hält 45 Patente, verfügt über mehr als zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Hightech-Branche – und über ebenso viel Überzeugungskraft. Nach Stationen bei Assembleon, ASML und Philips CFT wagte er 2009 bewusst den Sprung in die Welt der Start-ups. Dort war er als Systemarchitekt für vier technologieorientierte Unternehmen tätig. Zwei davon wurden inzwischen erfolgreich verkauft: Solaytec (Atomlagenabscheidung) an Tempress und Liteq (Back-End-Lithografie) an Kulicke & Soffa.
Heute arbeitet Vermeer bei Cerescon, einem Start-up, das sich auf die automatisierte Spargelernte spezialisiert hat, und ist als Berater für Additive Industries im Bereich der 3D-Metalldrucksysteme tätig. Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen Systemarchitektur, bahnbrechende Technologien – und die Frage, warum gut konzipierte Workshops oft effektiver sind als herkömmliche Führungsmethoden.
Große Sprünge statt kleiner Schritte
Vermeer gilt als leidenschaftlicher Innovator – und als jemand, der nicht nur neue Technologien entwickelt, sondern diese auch erfolgreich auf den Markt bringt. Er hält vorsichtige, rein inkrementelle Schritte für riskant.
„Wenn man eine echte bahnbrechende Technologie in den Händen hält, darf man nicht auf Nummer sicher gehen“, sagt er. „Der Sprung kann gar nicht groß genug sein.“
Diese Denkweise zieht sich wie ein roter Faden durch seine gesamte Karriere. Laut Vermeer gewinnt die Systemarchitektur insbesondere im Startup-Umfeld deutlich an Bedeutung.
„Sie haben keinen Handlungsspielraum. Sie können nicht einfach weitere fünf Millionen Euro investieren. Jede Investition muss begründet werden – mit einer Argumentation, die bestehende und neue Investoren überzeugt.“
Lernen als strategisches Instrument
Ein paar Mal im Jahr hält Vermeer den fünftägigen Kurs „System Architecture“ (Sysarch) ab. Er kann kaum noch Zeit für die Lehrtätigkeit aufbringen – doch er möchte diese nicht aufgeben.
Diese Erfahrungen aus der Schulung setzt er gezielt in seiner täglichen Arbeit bei Cerescon ein. Immer wenn Teams in eine Sackgasse zu geraten drohen, organisiert er Workshops. Dies ist nicht nur aus fachlicher Sicht effektiv, sondern auch entscheidend für die Motivation und die langfristige Bindung von Talenten.
„Wir können nicht die Gehälter der großen Hightech-Unternehmen zahlen. Daher müssen junge Ingenieure das Gefühl haben, dass sie sich beruflich weiterentwickeln – und dass sie nach einem Jahr deutlich wertvoller sind.“
Storytelling als Systemtest
Während eines dieser Workshops kam das Thema Storytelling zur Sprache – eine Denkübung aus dem Sysarch-Training. Bei dieser Übung versetzen sich die Teams bewusst in die Lage des Kunden und erzählen die Geschichte des Produkts, wie es im Alltag genutzt wird.
„Wir stellten uns vor, wie unsere Maschine das Werk verlässt, zum Kunden transportiert wird und dort reibungslos läuft“, erinnert sich Vermeer.
„Plötzlich wurden alle nervös. Uns war sofort klar: So, wie die Dinge standen, würde das so nicht funktionieren.“
Die Schilderung löste eine intensive Diskussion aus – und führte zu einer überraschenden Erkenntnis: Der eigentliche Engpass lag nicht bei den Ingenieuren, sondern bei der Nutzung der Testaufbauten. Während alle Maschinen gleichzeitig umgerüstet wurden, standen wochenlang keine Geräte für Integrationstests zur Verfügung.
'You have to organize throughput at the bottleneck as efficiently as possible'
Engpässe identifizieren – und effektiv beseitigen
Die anschließende Analyse ergab, dass der eigentliche Engpass in der Dauer der Softwaretests lag.
„Man muss den Durchsatz am Engpass so effizient wie möglich gestalten“, sagt Vermeer. „Eliyahu Goldratt hat dies bereits vor Jahrzehnten in seiner Theorie der Fesseln beschrieben.“
Infolgedessen führte Cerescon – nach dem Vorbild von ASML – sogenannte „Maschinensponsoren“ ein. Jeder von ihnen ist für eine gesamte Testmaschine verantwortlich, koordiniert die Testanfragen aus verschiedenen Projekten und plant die begrenzte Maschinenzeit so effizient wie möglich ein.
„Meiner Erfahrung als Führungskraft nach gibt es kaum etwas, das eine größere Wirkung hat als solche Workshops“, sagt Vermeer.
'Some people believe you stumble upon a good idea by chance. That’s not how it works.'
Was eine echte Erfindung ausmacht
Für Vermeer ist das Erfinden kein mystischer Prozess, sondern vielmehr strukturierte, methodische Arbeit.
„Manche Menschen glauben, man stoße zufällig auf eine gute Idee. So funktioniert das nicht“, sagt er. „Ich kann auf Kommando etwas erfinden.“
Ein entscheidender Moment für ihn war die Entdeckung der TRIZ-Methode, die vom russischen Erfinder Genrich Altshuller entwickelt wurde.
„Als ich darüber las, dachte ich: Genau so mache ich es auch.“
Kreativität erfordere Talent, sagt er, vor allem aber Selbstvertrauen.
„Ich bin arrogant genug zu sagen: Ich kann alles erfinden, was Sie sich nur wünschen können. Und nach 35 Jahren Erfahrung fange ich an, das selbst zu glauben.“
Wunschdenken mit CAFCR strukturieren
Es ist noch schwieriger, den Markt mit einer neuen Technologie tatsächlich zu verändern, als diese zu erfinden.
„Das ist Wunschdenken. Einen solchen Wunsch präzise zu formulieren, ist eine enorme Herausforderung.“
Hier stützt sich Vermeer auf die CAFCR-Methode, die die Systemarchitektur aus fünf Perspektiven untersucht: Kunde, Anwendung, Funktion, Konzept und Umsetzung. Ziel ist es, den tatsächlichen Kundennutzen klar zu identifizieren.
Bei Cerescon war es relativ einfach: Vermeers Bruder ist seit 25 Jahren Spargelbauer.
„Er wusste genau, worin die Werttreiber lagen. Er brachte es auf den Punkt: ‚Man sollte den Spargel unter der Erde sehen können.‘ Damit war klar: Die Erkennung unter der Erde ist der Durchbruch.“
In seinen Schulungen lässt Vermeer die Teilnehmer diese Werttreiber selbst ermitteln. Neben Ertrag, Qualität und Kosten kristallisierte sich ein vierter Faktor heraus, der überraschend kam: der zunehmende Arbeitskräftemangel.
„Wenn niemand mehr da ist, der die Ernte einbringt, ist alles andere nebensächlich“, sagt Vermeer.

